Against all Odds – IoT & Motorbike 4.0 in Indonesien

Neue Mobilitätskonzepte durch Digitalisierung – was an vielen Orten eine Vision ist, ist in Jakarta großflächig Realität geworden: die intelligente Vernetzung von Smart Mobility und E-Commerce. Mit einem einzigartigen Konzept, für das es weder in Berlin, Palo Alto oder London einen Klon gibt.

Jakarta war lange Zeit kein Ort, den man ernsthaft mit intelligenten Mobilitätslösungen verbunden hat. Carsharing bedeutete, einen Tagelöhner in seinem Auto mitzunehmen, um Verordnungen zur Reduzierung des Autoverkehrs einzuhalten. Bis heute fährt keine U-Bahn durch die Metropolregion mit über 20 Millionen Einwohnern. Von Schiene 4.0 keine Spur – der Zugverkehr rollt größtenteils über Gleise der Kolonialzeit, die 1945 endete. Hafenbesuche sind eine Reise in die Vergangenheit. Von A nach B zu kommen stellt für Menschen wie Güter täglich eine Herausforderung dar. Kurzum: Die Verkehrsinfrastruktur in Indonesiens Hauptstadt hat weder mit der Urbanisierung der Region, noch mit dem Wirtschaftsboom Schritt gehalten. Zusammen mit komplexen rechtlichen und administrativen Rahmenbedingungen, gelten die Infrastrukturprobleme im viertgrößten Land der Welt als Wirtschaftswachstums- und Investitionshemmnisse. Selbst wagemutige Venture-Capital-Fonds halten Indonesien für einen Markt, dessen Potenzial in keiner Relation mit den Risiken steht.

A new star was born

Genau in diesem Umfeld fand eine der bislang spektakulärsten Disruptionen des digitalen Zeitalters statt, die Indonesien aus dem Abseits ins Spotlight der Venture-Capital-Szene gerückt hat: „Go-Jek“ – resultierend aus dem indonesischen Wort für Motorradtaxi, „Ojek“ und „Go“. Wer denkt, es geht nun in die Richtung einer Plattform für Motorradtaxis zur Linderung von Jakartas Verkehrschaos, der irrt.

Auf Deutschland übertragen würde der Erfolg von Go-Jek wie folgt aussehen: Ein Student bringt Deutschlands Taxifahrer dazu, neben dem Passagiertransport plötzlich Dienste von Apothekenlieferungen, Fleurop, Foodora, einem Wäscheservice, Ticketmaster, Personal Shopping und elf weiteren Diensten über eine App anzubieten. Und Deutschlands Verbraucher reißen den Taxifahrern diese Dienstleistungen aus den Händen.

Das Geld liegt auf der Straße

Um den Erfolg dieses Geschäftsmodells verstehen zu können, muss man einen Blick auf drei Voraussetzungen werfen, die hierfür in Jakarta gegeben sind. Die erste Voraussetzung sind Motorradtaxis. In Jakarta gibt es mehr als eine Million Motorradtaxis, sie sind unverzichtbar und praktisch. Agil können sie sich zwischen Autos, Lieferwagen und Fußgängern durchschlängeln. Wer es eilig hat, greift in der Regel zum Motorradtaxi. Jeder Motorradtaxi-Fahrer ist ein Einzelunternehmer, dass Motorrad gehört ihm selbst und Kooperativen zwischen Fahrern sind die absolute Ausnahme. Zwei Fahrten pro Tag reichen vielen Fahrern, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Fahrer warten an einem bestimmten Posten auf Kunden oder werden auf der Straße von Passanten angehalten. Es kann natürlich auch passieren, dass ein Fahrer stundenlang auf neue Fahrgäste wartet – und seine Arbeitskraft ungenutzt bleibt.

Digitale Professionalisierung & Standardisierung

Durch die Vernetzung dieser Fahrer mit Kunden über eine Plattform wurde das Fundament gelegt, Standzeiten zu minimieren und die ungenutzte Arbeitskraft potenziell zugänglich zu machen – wer mehr verdienen will, bekommt über die App mehr Aufträge zu Festpreisen. Das Modell wurde schnell zum Erfolg und immer mehr Fahrer wurden angeworben. Und auch auf Nutzerseite wurde die App schnell zum Alltag – drei Jahre nach dem Launch wird sie von 10 Millionen Usern täglich genutzt. Die zweite Voraussetzung für den Erfolg von Go-Jek ist, dass es bei der Implementierung institutionell und technisch keine Hürden gab. Außerdem sind Smartphones und mobiles Internet in Indonesien günstig und WLAN flächendeckend, zuverlässig verfügbar. Zahlungen über E-Pay-Anbieter oder SMS sind Standard und Datenschutz sowie die generelle Regulierung von Dienstleistungen werden liberal gehandhabt. Außerdem sind Online-Marktplätze seit langem populär, da sie in die bestehende Lücke einsprangen, die der stationäre Einzelhandel im Zuge von einem massiven Kaufkraftzuwachs nicht bedienen konnte. Die überragende Funktion des konsumfreudigen indonesischen Binnen- bzw. Konsumgüter- und Dienstleistungsmarktes ist die dritte Erfolgsvoraussetzung, die das revolutionäre Plattformmodell tragfähig macht, das für westliche Maßstäbe ungewöhnliche Stränge miteinander vereint.

Digitalisierte Manpower statt Drohnen

So gelang in Jakarta etwas, das in Europa konventionell nicht funktionierte: „Delivery-on-demand“, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Dabei ist es gleich, ob man sich selbst von einem Motorradtaxi abholen und abliefern lässt oder Blumen, Welpen, Früchte oder Kurierdokumente verschicken möchte. Go-Jek ignorierte einfach das im Westen gängige Start-up-Prinzip, nachdem sich viele Gründer nur auf ein Segment konzentrieren. Die laxe indonesische Regulierung von Dienstleistungen mag den Erfolg erleichtert haben. Und der Nutzen – in einer Stadt, in der eine 5km-Fahrt regelmäßig vier Stunden dauert – liegt auf der Hand. So entstand ohne Start-up-Ökosystem innerhalb weniger Jahre ein Unicorn, das Fortune 500 inzwischen unter den Top 20 der Change-The-World-Unternehmen führt – weit vor Größen wie Microsoft beispielsweise. Als erstes indonesisches Unternehmen überhaupt, wird Go-Jek mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet.

Going global

Ein vergleichbares Modell ist in Berlin oder San Francisco nur schwer vorstellbar. Internationalisiert wird die Idee trotzdem. „Against all odds“ ist bei der jüngsten, milliardenschweren Finanzierungsrunde unter anderem Google bei Go-Jek als Investor eingestiegen. Nun sollen andere Städte Südostasiens erschlossen werden, die ähnliche Voraussetzungen mitbringen. Wie sich das indonesische Konzept betriebswirtschaftlich und rechtlich in anderen Staaten umsetzen lässt, wird sich zeigen. Es wäre die erste indonesische Marke, die global für Furore sorgt. So oder so hat sie Jakarta ein bisschen smarter gemacht.