Aus den Flegeljahren in die Welt der Erwachsenen: FinTechs 2018/2019

Blickt man auf das vergangene Jahr zurück, so ist die Digitalisierung der Finanzbranche zumindest gefühlt in kurzer Zeit um Jahre gereift. Rebellen der FinTech-Szene sind die neuen Klassenstreber, während die deutschen Großbanken mit Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam machen. Die Schlagwortdichte von Bitcoin über Bundled Banking bis Artificial Intelligence im Wirtschaftsteil der Tagespresse wirkt fast schon abenteuerlich, dominierten früher hier seitenweise Aktienkurse vom Vortag. Aber eins nach dem anderen.

Was war: Nur Banken im Stress?

Wenn es um schlechte Nachrichten in 2018 geht, lassen sich die deutschen Banken nicht lumpen. Sei es, dass sie sich aus wichtigen Aktienindizes verabschieden oder Gewinnwarnungen herausgeben müssen oder gar in die Insolvenz trudeln – auf den ersten Blick möchte man lieber voran ins neue Jahr schauen, als auf das alte zurück. Auch wenn die Nachwehen des kontroversen Stresstests der Europäischen Bankenaufsicht für 2018 im neuen Jahr für (aufsichtsrechtliche) Kopfschmerzen sorgen können. Auf den ersten Blick glänzen andererseits FinTechs mit schwarzen Zahlen oder dem Aufstieg in den DAX 30. Schaut man genauer hin, fällt allerdings auf, dass auch die FinTech-Szene einige Verluste in 2018 erlitten hat – die Insolvenz forderte einige prominente Opfer.

Aber genug der schlechten Nachrichten, viel interessanter sind die Trends 2018, die offenbaren, wie solide die Business Cases von FinTechs sein können. Insbesondere im Digital Banking zeigt sich, dass die FinTechs im Massenmarkt längst angekommen sind.

Die Regulierung hilft…

Rückenwind haben die FinTechs dabei aus einer eher ungewohnten Richtung erhalten, nämlich durch die Bankenregulierung. Die überarbeitete Zahlungsdiensterichtlinie (Richtlinie (EU) 2015/2366 , PSD2) ist seit Januar 2018 gültig und enthält diverse Regelungen, die FinTechs stärken sollen. Diverse Kontoinformationsdienste und Zahlungsauslösedienste sind in diesem Zuge entstanden und werden vor allem im kommenden Jahr weiter Fahrt aufnehmen. Insbesondere die Regelungen zum sogenannten Access-to-Account bergen enormes Potential, jedoch auch einige Unsicherheiten, die trotz entsprechender europäischer Standards (Delegierte Verordnung (EU) 2018/389) in 2019 noch Konfliktpotential zwischen Banken und Zahlungsdienstleistern bieten werden.

…oder auch nicht.

Ein ganz anderes regulatorisches Thema sorgte hingegen insbesondere in der FinTech-Szene eher für Unbehagen: Die EU Datenschutzgrundverordnung (Verordnung (EU) 2016/679). Als gäbe es nicht genug rechtliche Fallstricke, müssen datenhungrige FinTechs seit Mai 2018 den Datenschutz ganz besonders im Blick haben. Kundendaten mögen das Öl des 21. Jahrhundert sein, aber beim Ausbeuten dieses wertvollen Schatzes gilt das Gleiche wie beim Bohren: Wenn man es übertreibt, wird es teuer. Die Kunst ist es vielmehr, im Wortsinne intelligente Dienstleistungen anzubieten, die datenschutzkonform für Kunden echte Mehrwerte bieten – und dieses Betätigungsfeld wird ganz besonders für Banken immer wichtiger. Schließlich haben letztere den Erstzugriff auf Transaktions- und Kundendaten.

ICOs & Blockchain

Zwar erlebte die Blockchain als Technologie an sich nicht den Durchbruch in der Finanzbranche, aber die Technologie an sich setzt sich im Bereich des Digital Banking, insbesondere der Crypto Currencies immer mehr durch. Die Forbes FinTech 50 2018 führt alleine neun Startups, die die Blockchain-Technologie nutzen.

Eine Steigerung um 100%Prozent erlebten Initial Coin Offerings (ICOs) in 2018, wobei der Wert der ausgegebenen Cryptos den Faktor 3 deutlich überschritten haben dürfte: Trotz aller Vorbehalte haben sich ICOs durchaus als Alternative zu traditionellen Finanzierungsformen gemausert. Gerade bei ICOs zeigt sich, dass der Markt und seine Akteure gereift sind. Da der rechtliche Rahmen für ICOs nach wie vor unklar ist, geht die Branche auf Angriff und fordert die Regulierung selbst ein – und stößt damit ins gleiche Horn wie die Aufsicht selbst.

Sandbox & Brexit

Apropos rechtlicher Rahmen: Beim Versuch, FinTechs die Chance zu geben, ihre Geschäftsmodelle im kleineren Rahmen zunächst zu testen, bevor sie sich möglicherweise der vollumfänglichen Anforderung der bankenaufsichtsrechtlichen Regulierung stellen müssen, wird es in Deutschland auch künftig wohl weder ein sogenanntes Sandboxing noch eine Regulierungspause geben. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ist dem Global Financial Innovation Network (GFIN), das die Schaffung einer globalen regulatorischen Sandkiste anstrebt, nicht beigetreten. Die European Banking Authority (EBA) hat in ihre Roadmap für 2019 die Prüfung von regulatory sandboxes aufgenommen, so dass eher aus dieser Richtung ein Impuls für die künftige Regulierung zu erwarten ist – wenn auch eher mittel- bzw. langfristig.

Wie nachhaltig die Initiative des GFIN sein wird, darf im Übrigen für die EU mit einiger Skepsis betrachtet werden. Großbritannien (UK) ist nämlich der einzige (noch) EU-Staat in der Runde, weshalb nach einem Brexit (insbesondere in sogenannten No-Deal-Szenarien) die Attraktivität eines Sandboxings in UK jedenfalls für FinTechs, die in der EU tätig werden möchten, deutlich abnimmt. Im Fall eines Brexit droht FinTechs, die durch die Financial Conduct Authority (FCA) in UK lizensiert sind, der Verlust der Erlaubnis in der EU. Das derzeit noch mögliche Passporting einer Lizenz in andere Mitgliedsstaaten wird wohl wegfallen, so dass die regulatorische Sandbox der FCA für die spätere Lizensierung in einem EU-Mitgliedsstaat irrelevant wird.

Mobile legt zu

Und noch eine Entwicklung hat in 2018 ihren Anfang genommen und wird 2019 ganz erheblich mitbestimmen: Mobile Payment hat in Deutschland Fuß gefasst und wird das Bezahlverhalten der Deutschen vereinfachen und sicherer machen. Und wie es in der FinTech-Welt Tradition ist, schafft nicht eine Bank oder ein Zahlungsdiensteanbieter die notwendigen Voraussetzungen für das Bezahlen per Mobiltelefon, sondern die Anbieter von Mobiltelefonen und mobilen Betriebssystemen selbst. Einen weiteren Schub erhalten mobile Bezahldienste im kommenden Jahr durch SEPA Instant Payments, die langsam in Deutschland Fahrt aufnehmen – wobei die Infrastruktur bei vielen Banken noch nicht auf Stand sind, um die neuen „Echtzeitzahlungen“ abzuwickeln.

Was bringt 2019 sonst?

Wie gezeigt stehen im kommenden Jahr insbesondere für FinTechs einige rechtliche Herausforderungen an, die genommen werden müssen. Das Spannungsverhältnis aus Datenschutz und Bankenaufsichtsrecht etwa wird die Branche auch im nächsten Jahr beschäftigen.

Ein Paradebeispiel hierfür ist die sogenannte starke Kundenauthentifizierung, die im Herbst 2019 folgt. Beim Bezahlvorgang im e-Commerce muss sich der Kunde künftig in der Regel anhand von zwei aus drei Sicherheitsmerkmalen verifizieren, z.B. mit PIN und Fingerabdruck. Gefragt sind datenschutzkonforme Lösungen, die zugleich die vielen gesetzlichen Ausnahmen von der Pflicht zur starken Kundenauthentifizierung korrekt implementieren, denn streng nach dem Grundsatz der Datenminimierung sollen nur die Daten erhoben werden, die notwendig sind – und das sind unter Umständen weniger, als auf den ersten Blick vermutet.