Das Arbeitsleben der Anderen – Sechs Länderperspektiven auf Modern Work

Taylor Wessing hat fünf kurze Fragen an Experten unsere Arbeitsrechtsteams in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Asien (China, Indonesien, Japan) gestellt. Wir haben die Ergebnisse der Antworten zusammengefasst:

1. Warum sollten wir sobald wie möglich über „Modern Work“ nachdenken?

China

„Modern Work“ existiert bei uns bereits in vielen Bereichen. Vor allem lokale Unternehmen sehen sich durch die rasante Entwicklung des E-Commerce und neuartige Dienstleistungen vor rechtliche Hürden gestellt. Unternehmen aus traditionellen Industrie- und Dienstleistungssektoren sehen allerdings eher das reformbedürftige Arbeitsrecht mit seiner Mitarbeiterbindung als problematisch an.

Indonesien

Wie die Technologie ändern sich auch die Erwartungen an die Arbeitswelt, mit den Entwicklungen Schritt zu halten. Wenn wir nicht anfangen, bald über „Modern Work“ nachzudenken, wird es immer schwieriger, mit denen Schritt zu halten, die es bereits tun. Dadurch könnten uns Wachstum und mit der neuen Technologie einhergehende Arbeitserleichterungen entgehen.

Japan

Dinge verändern sich heutzutage von Tag zu Tag dramatisch. Neue Technologien sind nicht mehr bloß Werkzeuge. Es wird schwierig auf dem Laufenden zu bleiben, wenn man nicht jeden Tag am Ball bleibt.

UK

Die Zukunft wird uns schneller erfassen als wir glauben. Die Geschwindigkeit und das Ausmaß des technologischen Wandels in den Industrieländern macht gutes Planen unausweichlich. Arbeit hat einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden des Einzelnen als auch auf das der gesamten Volkswirtschaft. Wir müssen deshalb vorbereitet sein.

Frankreich

“Modern Work” passiert gerade, und es passiert ziemlich schnell. Unternehmen, die zu lange warten bis sie sich anpassen werden dem Wettbewerb nicht lange standhalten können. Sich den neuen Gegebenheiten anzupassen braucht Zeit, aber man sollte so schnell wie möglich damit anfangen.

Deutschland

In diesem Punkt sind alle Interviewten einig: Wegen des gravierenden und schneller werdenden technischen Wandels muss bereits jetzt darüber nachgedacht werden, mit welchen Mitteln des Arbeitsrechts auf jede einzelne Änderung reagiert werden kann und welche neuen Chancen sich ergeben. Aufgabe des Arbeitsrechtlers ist es, Grenzen, Wider-stände, aber auch Spielräume zu erkennen und zu nutzen. Wer sich nicht mit den Technologien der neuen Arbeitswelt auseinandersetzt, verliert immer rascher an Wettbewerbsfähigkeit und riskiert wegen der gesteigerten Bedeutung der HR-Compliance für die Unternehmen Bußgelder, sogar Strafen oder den Verlust von Handlungsmöglichkeiten. In diesem Zusammenhang werden internationale Compliance-Projekte an Bedeutung zunehmen – dies sehen wir aktuell am Arbeitnehmerdatenschutz oder – wenngleich weniger im Fokus – beispielsweise auch am Gesundheits- und Arbeitsschutzrecht.

 

2. Denken Sie an Roboter und künstliche Intelligenz. Was sind die Chancen und Herausforderungen für die Arbeitswelt?

China

Xi Jinping hat im Oktober 2017 seinen Willen bekräftigt, China zu einem international konkurrenzfähigen High-Tech-Standort weiterzuentwickeln. Die damit einher-gehenden Veränderungen in Bereichen wie Internet, Big Data und künstlicher Intelligenz werden komplett neue Industriezweige und Berufe schaffen.

Indonesien

Roboter und künstliche Intelligenz sind in der Lage, den Menschen zu unterstützen und ihn in manchen Bereichen sogar zu ersetzen. Umso mehr Aufgaben diese Technologien übernehmen, desto weniger Bedarf ist für Menschen vorhanden. Arbeitsplätze werden immer anspruchsvoller, sodass wir Kreativität an den Tag legen müssen, um uns von Maschinen abzugrenzen. Wichtig ist außerdem, die Genauigkeit und die Verlässlichkeit künstlicher Intelligenz zu überprüfen.

Japan

Ein interessantes Gedanken-spiel wäre die Frage, ob man Menschen kündigen darf, um sie mit künstlicher Intelligenz zu ersetzen. Wäre das ein ausreichender Kündigungsgrund? Im Bereich der künstlichen Intelligenz stellen sich außerdem Fragen hinsichtlich des geistigen Eigentums. Gehören so hergestellte Produkte dem Nutzer oder dem Entwickler von KI? Ist das Urheberrecht hier ausreichend oder sind vielleicht andere Gesetze einschlägig?

UK

Ich sehe optimistisch in die Zukunft. Warum sollten Maschinen nicht repetitive, langweilige oder unbeliebte Tätigkeiten übernehmen? Wichtig ist allerdings, die Erträge aus automatisierter Arbeit gerecht zu verteilen, etwa durch Steuern. Die meisten Tätigkeiten werden uns ohnehin erhalten bleiben und so können wir unsere Arbeitszeit besser gestalten.

Frankreich

Roboter und künstliche Intelligenz sind bereits in der Lage, Menschen bei einfachen und sich wiederholenden Tätigkeiten zu ersetzen. Dadurch ergeben sich mehr Möglichkeiten, kreativere und interessantere Aufgaben zu übernehmen. Roboter und KI sollten als effiziente und wettbewerbsfähige Helfer angesehen werden, die schnelle und hochqualitative Dienstleistungen erbringen.

Deutschland

Die Auswirkungen werden unterschiedlich beurteilt: Einerseits wird der Nutzen der Robotik und der künstlichen Intelligenz betont – gerade auch mit Blick auf Zuverlässigkeit und Präzision. Warum sollen Roboter nicht – wie auch schon bisher – gefährliche oder stets sich wiederholende Tätigkeiten verrichten? Andererseits werden durch Roboter und künstliche Intelligenz zahlreiche Arbeitsplätze überflüssig. Dies betrifft insbesondere den Dienstleistungssektor. Auch dürfte sich das traditionelle Verständnis des Arbeitgebers ändern: Warum sollen Roboter oder Computer nicht Weisungen erteilen oder Entscheidungen treffen können? Jedoch bedeutet diese bereits jetzt angestoßene Entwicklung nicht zwangsweise den Abbau von Beschäftigungen. Vielmehr werden gerade auch durch künstliche Intelligenz neue Arbeitsplätze entstehen.

 

3. Ist für neue Arbeitsformen wie Crowdworking oder Scrum ein neuer Rechtsrahmen notwendig? Ist beispielsweise der „digitale“ Arbeitnehmer zu wenig geschützt?

China

Da das sehr auf traditionelle Arbeitsformen ausgerichtete chinesische Recht immer wieder für Ungewissheiten in Schadensersatzfällen sorgt, würden wir Neuerungen begrüßen. Schwierig zu meistern wird allerdings der Balanceakt zwischen den Freiheiten neuer Arbeitsformen und einem gleich-zeitigen Mindestschutz für „digitale Arbeitnehmer“. Das gilt zum Beispiel für die Sozialversicherungspflicht oder den Arbeitsschutz.

Indonesien

Das Problem neuer Arbeitsformen besteht vor allem in Haftungsfragen. Ist beispielsweise der Arbeitnehmer oder die Plattform bei Fehlern haftbar? Hier sind klarere Regeln notwendig.

Japan

Ja, Kontrolle und Freiheit müssen ausbalanciert werden.

UK

Da wir in unserem Land das “common law” haben, das sich stets entlang den ökonomischen Umständen entwickelt hat, sehe ich keinen besonderen Reformbedarf. In Ländern mit anderen Rechtssystemen muss das aber nicht so sein. Dennoch gibt es immer Leitlinien an denen man sich orientieren kann und die Handlungsbedarf aufzeigen. Durch den Taylor Review wurde im Vereinigten Königreich der Ruf laut, Gesetze in Hinblick auf Informationsasymmetrien und ungleich verteilter Verhandlungsmacht anzupassen.

Frankreich

Es wird interessant zu sehen, wie der Gesetzgeber auf diese Entwicklungen reagieren wird.

Deutschland

Ob es tatsächlich Schutzlücken gibt, ist nicht einfach zu beurteilen. Während in den europäischen Ländern eher der Schutzbedarf im Ausgleich des durch Technisierung bedingten Informationsgefälle und dem daraus resultierenden Verhandlungsungleichgewicht gesehen wird, legt der asiatische Markt seinen Schwerpunkt eher auf eine Neuregelung der Haftung für „Arbeitsfehler“, die der digitale Arbeitnehmer verursacht.

 

4. Acht Stunden Anwesenheit im Büro, Home Office oder Bürogemeinschaften… Wie sollten wir über die Arbeitsorte der Zukunft denken?

China

In Zukunft werden Arbeitsorte weniger örtlich und zeitlich fixiert sein. Die angesprochenen Modelle werden in China bereits angewendet und könnten womöglich noch erweitert werden. Als nächste Schritte sind eine geo-graphische Verlagerung an verschiedene Orte oder in den Cyberspace denkbar. Auch dann wird man über einen neuen rechtlichen Rahmen nachdenken müssen.

Indonesien

Menschen können heutzutage zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten arbeiten. Manche halten persönliche Präsenz dennoch für notwendig, um die menschlichen Beziehungen aufrecht zu erhalten. Trotzdem ist es an manchen Standorten schon üblich, einige Arbeitstage im Home Office zu absolvieren.

Japan

Das hängt vom Arbeitsstil und den Anforderungen ab. Arbeitgeber und -nehmer sollten beide faire Modelle wählen dürfen.

UK

Wir sollten weniger über physische Orte nachdenken als über Werte und Normen, die mit unserer Arbeit zusammenhängen.

Frankreich

Arbeitnehmer können heute von überall aus arbeiten. Sofern sie einen Laptop und ein Smartphone haben, können sie von zu Hause oder vom Flughafen aus arbeiten. Die Nachfrage nach dem Home Office steigt stark, denn es steigert für viele die Lebensqualität. Arbeitsplätze werden nicht mehr länger standardisiert sein, Arbeitnehmer sitzen nicht mehr den ganzen Tag im Büro an ihrem Schreibtisch. Unternehmen müssen sich daran anpassen. Manche tun dies bereits mit Shared Offices oder erlauben Home Offices aus denen man ein Meeting per Videokonferenz besucht.

Deutschland

Globalisierung und Technisierung werfen zahlreiche Fragen zum Ort und zur Arbeitszeit auf. Die Er-wartung geht dahin, dass zukünf-tig der klassische Arbeitsort und die klassische Arbeitszeit an Bedeutung verlieren wird. Viele Unternehmen reagieren bereits jetzt darauf – das klassische Arbeitsrecht ermöglicht hierfür viele Gestaltungsmöglichkeiten.
Vereinzelt sehen wir auch Gesetzesinitiativen, die den Wandel in der Arbeitswelt begleiten. Eine einheitliche Linie ist nicht absehbar. So ist derzeit in Japan eine um-fassende Diskussion über den Arbeitsstil der Zukunft in Gange. In den Niederlanden gibt es bereits seit 2015 eine Regelung, die das Arbeiten im Home Office erleichtern soll. In erster Linie liegt das Thema „Modern Work“ aber in der Hand der Politik. Politische Initiativen gibt es genügend – nur beispielhaft sei auf die Ankündigung des chinesischen Ministerpräsidenten XI aus Oktober 2017 hingewiesen, welcher damit einen umfassenden Umbauprozess für den Arbeitsmarkt mit der größten Zahl von Arbeitnehmern auf der Welt anstoßen möchte.

 

5. Sollten wir in Hinblick auf die Rechtsberatung einen „Digital-Anwalt“ für Arbeitsrecht einstellen?

China

Für einfache Tätigkeiten, zum Beispiel das Ausfüllen von Vorlagen, nutzen wir bereits digitale Lösungen. Als Herausforderungen nehmen wir aktuell eher die Anpassung internationaler Produkte (wie TWCreate) an chinesische Gegebenheiten wahr. Dazu zählen auch durch die neuen Cyber-Sicherheits-Gesetze aufgeworfene Datenschutzfragen, vor allem wenn es um den grenzüberschreitenden Datenverkehr geht. Ansonsten kann aber gerade der menschliche Aspekt der Beratung kaum durch einen „Digital-Anwalt“ ersetzt werden.

Indonesien

Arbeitsrecht ist einzigartig. Einige Tätigkeiten sind zwar relativ standardisiert, dennoch unterscheidet sich der menschliche Faktor von Fall zu Fall. Ein „Digital-Anwalt“ könnte daher solche allge-meinen Angelegenheiten übernehmen, für andere käme er jedoch nicht in Frage. Im Bereich Disputes sollte immer ein Mensch tätig sein. In allen Anwendungsbereichen von solcher Technologie sollte aber deren Verlässlichkeit sichergestellt sein.

Japan

Korrekt eingesetzt wäre ein solcher “Digital-Anwalt” wahrscheinlich nützlich. Das Problem ist aber, dass sich die “Gedankengänge” des Algorithmus nicht immer nachvollziehen lassen, und gerade das ist für Anwälte unverzichtbar. Andererseits könnte künstliche Intelligenz gute Hinweise bei Forschungsprojekten liefern.

UK

Nicht wirklich! Recht ist zwar eine Form der Technologie, aber Menschen sind dazu besser geeignet. Wir können verschiedene Daten besser verarbeiten und in Hinblick auf Fairness, Gerechtigkeit und Wahrscheinlichkeit besser interpretieren. Es ist nicht nötig, die Vorteile von Menschen explizit zu betonen, denn sie sind offensichtlich.

Frankreich

Ein “digitaler Auszubildender” wäre toll! Arbeitsrecht ist in 99 Prozent der Fälle individuell, sodass die Herangehensweise immer unterschiedlich ist. Richtige Anwälte müssen sich daran anpassen, die jeweilige Situation analysieren, den Kontext einbeziehen und dem Mandanten eine individuelle Lösung anbieten. Ein „digitaler Anwalt“ könnte aber bei allgemeinen und vorbereitenden Tätigkeiten helfen.

Deutschland

Trotz aller Technisierung ist Arbeitsrecht ein besonders sensibles Rechtsgebiet, da es unmittelbar mit dem „Faktor Mensch“ verbunden ist. Zwar dürften zukünftig durch Legal Tech immer verstärkter Softwarelösungen z.B. für Dokumentenerstellung (z.B. Arbeitsverträge), Recherchen oder bei einfachen täglichen Fragen angeboten werden. Allerdings ist das mitunter komplexe Abwägen gerade im Arbeitsrecht eine große Herausforderung, insbesondere wenn es um globale Projekte geht (z.B. Umsetzung der EU-Datenschutzgrundverordnung). Aber auch eher technische Vorgänge, wie z.B. die Personalauswahl bei der betrieblichen Kündigung, können mitunter schwierige Abwägungsfragen aufwerfen. Fairness und Gerechtigkeit lassen sich nun einmal nur schwer in eine Formel ausdrücken.