IT-basierte Risikoanalyse: von nice to have zu need to have

Eine fundierte Risikoanalyse gehört für Unternehmen mittlerweile zum Standardrepertoire. Sie wollen und müssen wissen, ob und unter welchen Voraussetzungen es wirtschaftlich sinnvoll ist, einen Rechtsstreit (weiter) zu führen, zu vergleichen oder zu beenden. Eine solche Risikoanalyse ist z. T. gesetzlich vorgeschrieben oder wird als Grundlage für unternehmerische Entscheidungen vorausgesetzt (z.B. bei der Business Judgement Rule). Da sich Unternehmen hierfür häufig externer Berater bedienen, verwundert es nicht, dass (Prozess-)Risikoanalysen auch für Anwaltskanzleien in den letzten Jahren immer weiter an Bedeutung gewonnen haben.

Risikoanalyse als Voraussetzung erfolgreicher Prozessführung

Die Einschätzung und Bewertung von Prozessrisiken ist für Anwälte im Grunde nichts Neues. Schon 1897 skizzierte O. W. Holmes in einem Aufsatz für das Harvard Law Journal die Funktion des Anwalts als die eines „Vorhersagers“, der für seinen Mandanten eine Prophezeiung über die Entscheidung des Gerichts zu machen hat. In der Vergangenheit war hiermit oftmals die Vorstellung verknüpft, dass der Anwalt seine Einschätzung über die Erfolgsaussichten eines (beabsichtigten) Prozesses vor allem anhand seiner Erfahrung trifft. Derartige Einschätzungen wurden dabei allzu häufig „über den Daumen gepeilt“ abgegeben. Eine echte Quantifizierung und gar Qualifizierung von Risikofaktoren und deren Einfluss auf den möglichen Prozessausgang suchte man vergeblich.
Heute steht für die Risikoanalyse ein ganzes Spektrum an Hilfsmitteln, wie bewährte Entscheidungsbaumdiagramme oder innovative technische Lösungen, zur Verfügung. Sie erlauben, kritische Aspekte eines Rechtsstreits individuell zu bewerten und ihre Wirkung auf das Gesamtergebnis zu analysieren. Das bedeutet aber nicht, dass man einen Fall einfach „durchrechnen“ kann und die Erfahrung des Anwalts keine Rolle mehr spielt. Im Gegenteil, die Erfahrung des Anwalts ist Grundlage für die Bewertung der jeweiligen neuralgischen Punkte. Gemeinsam mit einer methodischen Herangehensweise („litigation risk management“) bildet sie die Basis für eine fundierte (Prozess-)Risikoanalyse und ist damit zugleich zentraler Erfolgsfaktor der Prozessführung.

Rationalisierung des Bauchgefühls

Auch bei modernen Risikoanalysetools hängt die Qualität der Ergebnisse entscheidend von den Daten und Informationen ab: Werden sie bestmöglich „gefüttert“, leisten die Tools einen wertvollen Beitrag zur Einschätzung der Chancen und Risiken einer streitigen Auseinandersetzung. Sie helfen, die gefühlte Erfolgswahrscheinlichkeit zu verobjektivieren, was nicht selten zu überraschenden Ergebnissen für die Anwender führt. Die überwiegend positive Beurteilung einzelner Aspekte einer Streitigkeit kann nämlich in ihrer Kombination zu einer nur mittelmäßigen Gesamtprognose führen, da bspw. die Eintrittswahrscheinlichkeiten einzelner Tatbestandsmerkmale für die Risikobeurteilung nicht etwa addiert, sondern multipliziert werden (80% Einzelwahrscheinlichkeit x 80% Einzelwahrscheinlichkeit = 64% Gesamtwahrscheinlichkeit).

Die am Markt verfügbaren Tools reichen von simplen Prozesskostenrechnern über tabellenbasierte Kalkulationssoftware, die anhand der vorgenommen Einträge ein „Vergleichsfenster“ berechnet, bis hin zu komplexen datenbankbasierten Software-Lösungen wie Lexis NexisLex Machina oder Bloomberg Law®’s Litigation Analytics. Anwendungen wie das von knowledgeTools erlauben zudem, einen komplexen Sachverhalt und komplizierte Rechtsauffragen aufzubrechen und durch die tool-basierte Visualisierung die entscheidenden Weichenstellungen sichtbar zu machen.

Die Risikoanalyse ist damit nicht nur ein einfaches Hilfsmittel des litigation risk managements, sondern ein zunehmend wichtiger Faktor für die Vorbereitung und Durchführung von Prozessen. Ein methodischer Ansatz ist dabei von zentraler Bedeutung für eine realistische und fundierte Einschätzung. Daneben hilft eine methodische Risikoanalyse, das Bauchgefühl des Juristen und seines Mandanten zu rationalisieren und in nachvollziehbarer Weise abzubilden. Mit der Verbreitung von IT-basierten Risikoanalysen werden die Ergebnisqualität und die Erwartungen von Mandanten an die Genauigkeit der Vorhersagen steigen. Moderne Kanzleien werden es sich somit nicht leisten können, hiervor die Augen zu verschließen.

 

Screenshot aus dem Erklärvideo zur Risikovorhersage der knowledgeTools International GmbH (https://bit.ly/2UEOkDo)